Die Leistungsgesellschaft und ihre Kinder

Früher einmal war das Leben einfach. Wer in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders eine vernünftige Ausbildung hatte, einen geraden Rücken und eine gewisse Zielstrebigkeit, der konnte darauf vertrauen, dass es ihm einmal materiell deutlich bessergehen würde als seinen Eltern – was diese auch oft und offen als Hoffnung zum Ausdruck brachten. Es war die hohe Zeit des Mittelstandes: Dazu gehörte, wer sich ein schmuckes Häuschen im Grünen leisten konnte und alle drei Jahre ein neues Auto kaufte. Es waren viele: Nicht nur hohe Angestellte, auch Arbeiter genossen einen nie gekannten Wohlstand, ließen die Kinder studieren und verbrachten den Sommerurlaub am Meer. Zu fünft im VW Käfer von Berlin an die Adria war damals keine Horrorvorstellung, sondern ein Lebensziel.

Von einem solchen Aufstieg können die „Millennials“ – junge Menschen, die um das Jahr 2000 herum Teenager waren – heute nur träumen. „In Deutschland stirbt der Traum vom Eigenheim“, titelte schon vor mehr als einem Jahr „Die Welt“. Laut einer Umfrage sind 56 Prozent der Deutschen überzeugt, sie würden niemals ein Eigenheim besitzen. Verdammt zur Miete, lebenslang. Der Grund dafür sind nicht nur die hohen Immobilienpreise, sondern auch die Nebenkosten wie Makler, Notar und Grunderwerbssteuer von durchschnittlich 50.000 Euro. Zumindest die sollte man auf der hohen Kante haben – für viele Fehlanzeige. Auch in Österreich.

Der aktuelle Einkommensbericht des Rechnungshofs (Lohnsteuerdaten 2017) erlaubt einen Blick auf die möglichen Ursachen. Der KURIER berichtet: „Unselbstständig Erwerbstätige (ohne Lehrlinge) erzielten demnach ein mittleres Bruttojahreseinkommen (Median) von 27.545 Euro. … Inflationsbereinigt bedeutet dies im Langzeitvergleich seit 1998 eine Stagnation. … Vergleicht man die inflationsbereinigte Entwicklung der Bruttojahreseinkommen aller unselbstständig Erwerbstätigen, ergibt sich ein Einkommensverlust von drei Prozent, heißt es im Einkommensbericht.“

Besonders hart hat die Entwicklung die Arbeiter getroffen: 2017 erreichte ihr Bruttomedianeinkommen nur 87 Prozent des mittleren Einkommens des Jahres 1998. Im Gegensatz dazu stiegen die Bruttomedianeinkommen der Angestellten seit 1998 um drei Prozent, jene der Beamten hingegen um 26 Prozent (!). Das Bruttoinlandsprodukt – eine Kennzahl für die gesamtwirtschaftliche Leistung – wuchs im gleichen Zeitraum von 196 auf 369 Milliarden Euro. Ohne viel volkswirtschaftlichen Scharfsinn lässt sich feststellen: Irgendjemand hat in diesen 20 Jahren ordentlich zugelegt, und die unselbstständig Erwerbstätigen waren es nicht; die Ein-Personen-Unternehmen (EPU, die mittlerweile 56 Prozent aller Betriebe in Österreich ausmachen) und die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) auch nicht.

Bleiben vom Traum vom besseren Leben nichts als alternative facts? Wie sieht die Navigation für ein Leben aus, das nicht nach dem olympischen Ideal schneller, höher, stärker ausgerichtet ist? Was kommt nach der Leistungsgesellschaft?

Eine Antwort gibt vielleicht „Die Zeit“ kürzlich in einer „Zukunftsanalyse“. Sie hat die Arbeiten von Jane Loevinger, einer mittlerweile verstorbenen US-Entwicklungspsychologin, ausgegraben, die nach tausenden von persönlichen Interviews glaubte, eine Gesetzmäßigkeit in der Persönlichkeitsentwicklung gefunden zu haben. Sie vermutete, dass jedes Ich einer festgelegten Reihe von Entwicklungsstufen folgt. E5 ist autoritätsgläubig, moralisch, konservativ; E6 sind die Prototypen der Leistungsbereiten. Doch danach kommt mit E7 die große Veränderung: Die „Individualisten oder Pluralisten“ hinterfragen Regeln des sozialen Zusammenlebens, Werte, Normen, Maxime und Rollenidentitäten. Sie pfeifen auf Leistung, ignorieren die Nationalität und sind Verfechter von Diversität: „Sie unterstützen die Gleichwertigkeit aller Geschlechter, sexueller Orientierungen, Ethnien, sozialer Schichten, Beziehungs- und Lebenskonzepte bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen und zur Polyamorie“, schreibt „Die Zeit“.

Sehr alternative jedenfalls.

Dieser Text ist erschienen im Magazin advantage.

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