„Lutschen Sie an Ihrer großen Zehe!“

Stellen Sie sich vor, ein Kärntner Schriftsteller erhält den Literaturnobelpreis, und kaum jemand freut sich. Peter Handke, Autor von Weltruf, stolpert über ein emotionales Naheverhältnis zu Serbien und dem mörderischen Ungustl Slobodan Milošević. Das amtierende Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Jugoslawien wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien im Mai 1999 wegen Völkermord, Massen­vertreibung und zahlreicher anderer Kriegsverbrechen angeklagt und nach seiner Abdankung zwei Jahre später nach Den Haag aus­geliefert. Der Prozess gegen ihn begann im Februar 2002 und zog sich auch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes in die Länge. Am 11. März 2006 wurde Milošević in seiner Zelle tot auf­gefunden und sieben Tage später in seinem serbischen Heimatort Požarevac begraben.

Handke hat den Schlächter von Srebrenica im Gefängnis besucht und an dessen Grab – zum Teil in Serbokroatisch – gesprochen, unter anderem: „Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwe­send, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Die sogenann­te Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich er­innere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.“

Der Aufschrei von Politik und Künstlerschaft war laut und hallt bis heute nach. Von Handkes literarischen Worten und Taten völlig losgelöst bahnt sich der Shitstorm der Missgünstigen seinen Weg: Der dänische Schriftsteller Carsten Jensen erklärt Handke taxfrei zu einem „gefährlichen Rechtsextremisten, der den Völkermord begrüßt“. Und der slowenische Philosoph Slavoj Žižek brandmarkt ihn gar als „Apologet des Völkermords“.

Dabei wird mit einer gewissen intellektuellen Großzügigkeit über den Unterschied zwischen Literatur- und Friedensnobelpreis hinweg gesehen, nicht nur inhaltlich: Für die Auswahl des Literaturnobelpreisträgers ist die beispielsweise die Schwedische Akademie zuständig, die dafür bisherige Preisträger, Hochschulprofessoren, Schriftstellerverbandspräsidenten aufbietet. Der Träger des Friedensnobelpreises wird vom fünfköpfigen Norwegischen Nobelkomitee ausgewählt, das vom Parlament ernannt wird. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe, die von der (in Österreich mit Vorliebe das eigene Nest beschmutzenden) Empörungsbewegung bereitwillig durcheinandergebracht und absichtsvoll verkehrtherum angezogen werden.

Auch in Kärnten, wo der zeitlebens Schwierige trotz seiner Weltläufigkeit dennoch Kontakt zu seiner Heimat Griffen und zu seinen slowenischen Wurzeln gehalten hat, hebt wie so oft das Matschkern an. Statt sich mit dem großen Sohn des Landes über die erstmals in der Landesgeschichte zuerkannte Auszeichnung zu freuen nach dem Motto „Wir sind Literaturnobelpreis!“, mäkelt man lieber am dünnhäutigen Verhalten Handkes bei kritischen Journalistenfragen herum. Die einen versuchen durch gemeinsame Fotos auf Facebook, den eigenen Schatten im hellen Lichte des Geehrten länger werden zu lassen (man nennt das nicht ohne Grund „parasitäre Publizität“). Die anderen wollen den Sockel, auf dem Handke nun für die Ewigkeit steht, vorsorglich abtragen, damit das eigene Mittelmaß im Vergleich zur lichten Höhe des Preisträgers nicht so schonungslos deutlich wird.

Die – auch journalistische – Reduktion eines lebenslangen literarischen Schaffens auf eine weltanschauliche Verirrung, ausgerechnet im Moment des höchsten Triumphs – das würde wohl auch weniger fein gesponnene Charaktere überfordern. Immerhin hat er den Kärntner Journalisten nicht gesagt, was er dem damaligen Kollegen Karl Wendl schon 1996 bei einer Diskussion im Wiener Akademietheater entgegengeschleudert hat: „Arschloch, Arschloch(…) Stecken Sie sich Ihre Betroffenheit in den Arsch, gehen Sie nach Hause, lutschen Sie an Ihrer großen Zehe. Hauen Sie ab, ich rede nicht mehr mit Ihnen.“

Man sollte Peter Handke den großen Moment gönnen. Wie Elfriede Jelinek, die Nobelpreisträgerin 2004: „Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen“, schrieb die Autorin der APA. Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, „auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden.“

Da wird in guter ösischer Tradition wohl erst posthum eintreten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s