Stiller Wirtschaftskrieg um den Diesel

Rudolf Diesel war ein zäher Mann. Mit Verbissenheit versuchte er, den Kolbenmotor ohne aufwändige Zündung, nur durch die Kompression des Treibstoff-Luft-Gemisches zum Laufen zu bringen. 1893 drehte der Prototyp aus eigener Kraft, aber es sollte statt eines geplanten halben vier lange Jahre weitere Entwicklungszeit in der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (daraus entstand der heutige MAN-Konzern mit fast 55.000 Mitarbeitern in 180 Ländern der Welt) dauern, bis 1897 das erste praxistaugliche Modell präsentiert wurde: Der Dieselmotor war geboren und schrieb eine weltweite Erfolgsgeschichte.

Zuerst war er als stationäre Kraftmaschine im Einsatz, dann als Lkw-Kraftquelle. Zum wahren Diesel-Boom in Pkw kam es aber erst, als Audi 1989 den TDI (Turbodiesel Direct Injection) mit 120 PS aus einem 2,5-Liter-Fünfzylinder präsentierte und aus dem trägen Dauerläufer einen munteren Alltagsbegleiter und agilen Sprinter machte: Schon 1998 siegte ein Diesel-BMW beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. 2006 gewann Audi mit dem R10 TDI (650 PS und 1.100 Newtonmeter Drehmoment) sogar die legendären 24 Stunden von Le Mans.

Etwa 120 Jahre nach ihrer Geburt muss am Fortleben dieser revolutionären Antriebsidee gezweifelt werden. Ausgelöst durch den VW-Abgasskandal wollen Lobbys aus aller Welt der Erfindung von Rudolf Diesel den Sprit abdrehen. Ihr Argument: Diesel sind wahre Killermaschinen. „107.000 Tote durch Dieselabgase“, titelte der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr.de) im Februar 2018. Eine US-amerikanische Studie der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) in Washington macht die Stickoxide aus Dieselabgasen für das Massensterben verantwortlich. In Europa müssten 11.400 Menschen (von 28.500 vorzeitigen Todesfällen durch Stickoxide aus Dieselabgasen) weniger sterben, wenn die Autos die gesetzlichen Grenzwerte einhalten würden. Dabei dürften Pkw gar nicht die Hauptverantwortlichen sein: „Der Schwerlastverkehr – größere Lkw und Busse – trug bei Weitem am meisten zu den überschüssigen Stickoxiden bei, nämlich zu 76 Prozent“, sagt Josh Miller vom International Council on Clean Transportation (ICCT) in Washington, Mitautor der Studie, laut mdr.

Das deutsche Umeltbundesamt ist da anderer Meinung: „Dieselmotoren sind aktuell eine relevante NOx-Quelle und tragen signifikant dazu bei, dass an verkehrsnahen Messstellen der Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) vielerorts nicht eingehalten wird. In 2016 waren Diesel-PKW für über 70 Prozent der NO2-Emissionen des Straßenverkehrs in Städten verantwortlich“, steht auf der Website.

Für den renommierten Wissenschafter Professor Dieter Köhler, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (Lungenheilkunde) und des Verbandes Pneumologischer Kliniken, sind diese Aussagen „geradezu abenteuerlich“. Die der Behördenschätzung von bis zu 6000 „vorzeitigen Todesfällen“ durch Stickoxide zugrunde liegende Studie hinterfrage viele Störfaktoren nicht bzw. sei gar nicht in der Lage, 1000-fach höhere Störfaktoren wie Zigarettenrauchen zu eliminieren. Köhler rechnet vor: „Die NO2-Menge liegt im Rauch einer Zigarette bei rund 300.000 Mikrogramm pro Kubikmeter. Nimmt man ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von zehn Litern an, atmet der Raucher 30.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ein. Nach wenigen Tagen hätte er die gleiche Dosis erreicht wie ein Nichtraucher, der ein Leben lang die Grenzdosis von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft einatmen würde. Bei einer Schachtel am Tag müssten demnach nach einigen Monaten alle Raucher alleine durch das NO2 sterben. Das geschieht jedoch nachweislich nicht.“

Aber auch bei den Feinstäuben, die angeblich laut einer im britischen Fachblatt „Environmental Research Letters“ publizierten Studie 10.000 Todesopfer in Europa fordern, gibt es eklatante Meinungsunterschiede. Lungenfacharzt Köhler ist sich sicher, dass die Feinstaubemissionen der jüngeren Vergangenheit keinen einzigen Todesfall verursacht hätten. Die aktuellen Mengen in der Außenluft seien nahezu ohne Bedeutung für die Gesundheit. „Zigarettenrauch hat millionenfach mehr Feinstaub als die Luft an Hauptverkehrsstraßen. Selbst passives Rauchen ist deutlich gefährlicher“, relativierte Köhler. Schuld an der hysterischen Diskussion sind laut dem Fachmann vorwiegend Messfehler und Schwächen bei den Untersuchungsmethoden.

Dass der mit harten Bandagen und offenbar jeder Menge opinion engineering geführte Kampf um den Diesel etwas damit zu tun haben könnte, dass in den USA sehr wenige und in Europa mit seiner starken Automobilindustrie sehr viele Dieselautos fahren und die Amerikaner durch die anhaltende Diskussion einen starken Konkurrenten schwächen wollen, fällt selbstverständlich unter alternative facts. Beim stillen, aber umso heftiger geführten Wirtschaftskrieg geht es allein in Deutschland um einen Branchenumsatz von 400 Milliarden Euro: Fast acht Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung „Made in Germany“ gehen direkt oder indirekt auf die Autoproduktion zurück. Drei Viertel aller Fahrzeuge aus Stuttgart, Wolfsburg oder München werden exportiert. Und über 800.000 Menschen arbeiten in Deutschland bei Autobauern und Zulieferern.

Noch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s