Windige Wende

Saubere neue Welt: Von der Atomkraft hat sich Deutschland schon verabschiedet, binnen weniger Jahre werden wir keine fossilen Brennstoffe mehr verheizen, die Autos summen bald elektrisch und abgasfrei, Wind und Fotovoltaik versorgen die Wirtschaft und Gesellschaft mit günstiger grüner Energie. Diese Vision ist verlockend schön – und grundfalsch.

In keinem Themenbereich – außer vielleicht in der US-amerikanischen Außenpolitik – wird derzeit mehr Unsinn verzapft als in der europäischen Energiepolitik. Während sich die Grünen in Österreich mit verstörenden Forderungen zurückhalten und sich auf ihre politische Wiederauferstehung bei der Nationalratswahl im Herbst konzentrieren, überbieten sich Parteien und Protestler in Deutschland gegenseitig mit Forderungen. Die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, kurz meist Kohlekommission genannt, schlug kürzlich den Ausstieg aus der Braunkohleförderung und -nutzung bis 2038 vor. Noch früher, 2030, soll sich Deutschland nach der Meinung des grünen Spitzenpolitikers Robert Habeck vom Verbrennungsmotor verabschieden. Irgendwo dazwischen sollen die Treibhausemissionen auf null sinken und zu 100 Prozent erneuerbare Energieträger eingesetzt werden, verlangen die Klimaaktivisten.

Klügste Köpfe

Nicht nur die Industrie schüttelt skeptisch den Kopf. Unter dem wissenschaftlich-dürren Begriff „Sektorkopplung“ haben sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften grundsätzlich mit Fragen der Energiewende befasst. Deutschlands klügste Köpfe haben in der über 160 Seiten starken Analyse aus dem November 2017 ein paar erstaunliche Fakten zutage befördert, die im Wesentlichen (und größenbereinigt) auch für Österreich Gültigkeit haben dürften.

Ökologischer Albtraum

Die sogenannte Dekarbonisierung, also die Zurückdrängung von Kohlenwasserstoff bedeutet nämlich, dass auch die Sektoren Verkehr und Wärme elektrifiziert werden müssen, weshalb sich der prognostizierte Strombedarf bis 2050 etwa verdoppelt; da sich die Experten auf Fotovoltaik und Windkraft als Alternativen beschränken, kommt die Studie zum Schluss: „Die installierte Leistung an Windkraft und Fotovoltaik müsste in diesem Fall … gegenüber heute versiebenfacht werden.“ Eine Versiebenfachung bei der Windenergie würde selbst bei Verdopplung der Kapazität der einzelnen Generatoren die deutsche Landschaft radikal verändern, schreibt Professor Fritz Vahrenholt von der Universität Hamburg in der Schweizer „Weltwoche“: „Verteilt in einem Netz übers ganze Land, käme alle 1,5 Kilometer eine 200 Meter hohe Windmühle zu stehen. Man sollte sich das plastisch vorstellen. Der süße Traum der sanften Wende entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ökologischer Albtraum.“

Gesamtkosten 4600 Milliarden Euro

Der bei ökonomischer Betrachtung nahtlos weitergeht. Vahrenholt, laut Medienberichten des Industrielobbyings nicht unverdächtig: „Das heutige Energieversorgungssystem kostet pro Jahr 250 Milliarden Euro. Will man das CO2-Zwischenziel von 60 Prozent Einsparung in den nächsten zehn Jahren erreichen, kostet das 1500 Milliarden zusätzlich.“ Bis zur Reduktion um 90 Prozent wären stufenweise in Summe  4600 Milliarden Euro fällig – oder für jeden deutschen Haushalt Monat für Monat 320 Euro, 30 Jahre lang.

Wärmefaktor Mensch

Aber auch in Österreich wird an einem energiepolitischen Kraftakt kein Weg vorbeiführen, sind Ingmar Höbarth, der Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, und Peter Püspök, der Präsident des Dachverbands Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ), überzeugt. „In diesem Strukturwandel steckt auch eine enorme Chance für Österreichs Wirtschaft, wenn sie sich mit innovativen Technologien, Dienstleistungen und Ideen am globalen Markt positionieren kann“, schreiben sie im „Faktencheck Energiewende“. Hier wird mit zahlreichen Mythen aufgeräumt, zum Beispiel mit der Behauptung, dass die Sonnenaktivität für die Erderwärmung verantwortlich sei. Für 97 Prozent der Wissenschaftler weltweit steht der Schuldige fest: der Mensch.

Dieser Text ist erschienen im Magazin advantage/Juli 2019.

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