Die verlorene Resilienz

Die heute in der „Kleine Zeitung“ veröffentlichte „Außensicht“ von Monika Wogrolly ist ein derart interessantes Beispiel für perspektivische Realitätsverzerrung, dass ihr lauthals widersprochen werden muss. Das fängt schon am Anfang an: Nicht das Virus sei der Täter, diagnostiziert die Therapeutin, sondern die Regierenden, die „gewaltsam in die Selbstbestimmung der Menschen eingreifen“ würden.

Wogrolly

Abgesehen davon, dass wir mit staatlicher Gewalt wohl eher den Holocaust, kommunistische Umerziehungslager oder US-Gefängnisse wie Guantanamo assoziieren, stimmt Wogrolly damit in den Chor jener Bedenkenträger ein, die im jüngsten – man kann durchaus sagen: unerwartet kräftigen – Lebenszeichen der österreichischen Politik die Gefährdung der Menschenrechte (zumindest der spezifisch österreichischen wie etwa auf Apfelstrudel im Kaffeehaus) und die Vorstufe zur Diktatur beklagen. Wenn uns dieser Staat jeden Monat zur Finanzierung seiner meist gut gemeinten und oft weniger gut gemachten Aufgaben „gewaltsam“ die Hälfte unseres Verdienten abnimmt, beunruhigt das kaum; aber wenn wir einmal ein paar Wochen zum eigenen und anderer Leute Wohl bestversorgt von Lebensmitteln bis Netflix zu Hause bleiben sollen, ist die Demokratie in Gefahr.

Dass Österreich ein einig Volk von Frischluftfanatikern und Outdoorfreaks ist, die am liebsten im Freien leben und nur im äußersten Notfall Unterschlupf in den eigenen vier Wänden suchen, war wohl bis zur Ausgangsbeschränkung den Wenigsten in diesem Ausmaß bewusst. Ein wenig erinnert dieser Effekt an Erkenntnisse der Kindererziehung: Wenn man etwas verbietet, wird noch das fadeste Spielzeug schlagartig interessant.

Besonders betroffen macht Frau Wogrolly der Umstand, dass denen, die Covid-19 immer noch für eine Art Grippe hielten, ein rauer Wind entgegenwehe: „Gerade dass nicht Scheiterhaufen errichtet werden für jene, die zweifeln oder kritisch bleiben.“ Das, liebe Frau Wogrolly, rührt daher, dass jene, die allen verfügbaren Fakten, seriösen journalistischen Aufarbeitungen und Bilddokumenten des Grauens zum Trotz das Coronavirus noch immer für eine seichte Influenza halten und glauben, dass eine globale politische Verschwörung vorsätzlich die Weltwirtschaft zugrunde richten will, um autoritäre Regime zu errichten oder zumindest das Bargeld abzuschaffen, schlicht nicht alle Latten am Zaun haben.

Es gibt keine Neutralität zwischen Gut und Böse, meinte der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan auf dem Höhepunkt des kalten Kriegs. In Anlehnung daran kann ohne offizielle Selbstaufgabe des Intellekts auch nicht „kritisch bleiben“, wer mit eigenen Augen sieht, wie von Italien über Spanien bis in die USA die Krankenhäuser überquellen und Särge mit Lastwagen in angemieteten Hallen gekarrt werden müssen, weil man die Leichen nicht so schnell verbrennen kann, wie sie aus den Spitälern kommen. Das soll die alljährliche Grippewelle sein, die uns die Lückenmedien absichtsvoll verschweigen? Aber es ist offenbar äußerst schick, sich als Zweifler und Skeptiker aufzuspielen, zur Not auch gegenüber den Grundrechenarten im Zahlenraum zehn.

In Wogrollys Text fehlt nur der empörte Aufschrei über Kanzler Kurz, der gewagt hat, die Wiederinkraftsetzung der Reisefreiheit von einem wirksamen Medikament gegen die Coronaseuche abhängig zu machen. Was für ein kaltherziger Anschlag auf die Bürgerrechte: Wir kasteien uns allesamt für Wochen, vielleicht Monate, unter schwerster Beeinträchtigung der Wirtschaftskreisläufe, damit irgendwelche Fernreisefans das soeben vertriebene Virus aus anderen Erdteilen mit weniger Möglichkeiten und/oder Disziplin wieder nach Österreich zurückbringen. Was stimmt eigentlich nicht mit euch?

Und während ich immer noch grüble, warum eine Bekannte kürzlich auf Facebook gestand, sie habe nach ihrem ersten Einkauf mit Gesichtsmaske weinen müssen, fällt mir die Erzählung einer älteren Dame ein: Sie hat 1944 mit ihren jüdischen Eltern neun Monate auf einem Dachboden gehaust, mit dem Nötigsten versorgt von anderen Hausbewohnern, zu jeder Sekunde darauf gefasst, die harten Stiefel irgendwelcher Nazischergen auf der Stiege zu hören, die kämen, um sie abzuholen. Welche Last, welches Schicksal, und dabei hatte das kleine Mädchen und seine Eltern noch mehr Glück als sehr viele andere.

Das ist nicht einmal achtzig Jahre her. Und heute bekommen manche von uns Weinkrämpfe, weil sie sich beim Shoppen vor vollen Regalen ein Papierfetzerl umhängen müssen. Psychologen wie Frau Wogrolly nennen das üblicherweise mangelnde Resilienz[1] – und jammern nicht über verlorene Selbstbestimmung.

 

 

 

[1] Resilienz oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Wikipedia

Zweite Meinung

Bei schlechten Nachrichten, nicht nur vom Arzt, ist es angeraten, eine zweite Meinung einzuholen. Das gilt selbstverständlich auch – und vor allem – für wichtige Informationen die Welt und ihr Fortkommen betreffend. Umso erfreulicher ist es, wenn ein renommierter Sender wie Ö1 dem postfaktischen Zeitalter eine ganze Sendungsreihe widmet. Soviel vorweg: Die Zweitmeinung bestätigt die […]

Ist alles Chimäre…

…aber mich unterhalt’s!, dichtetet der österreichische Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor Johann Nepomuk Nestroy vor fast 200 Jahren in der Posse „Die Papiere des Teufels“. Ging es damals um Intrigen und Erbschleicherei, sind heute Klimawandel und Umweltzerstörung die beherrschenden Themen der Jugend geworden und das größte Motiv ihres politischen und gesellschaftlichen Engagements. So lautet das Ergebnis der 18. Shell-Jugendstudie, einer alle vier Jahre erhobene Großumfrage unter mehr als 2500 Teilnehmern im Alter von 12 bis 25 Jahren, die kürzlich in Berlin präsentiert wurde. „Fast drei Viertel der Befragten nennen Umweltverschmutzung als aktuelles Problem, gefolgt von Klimawandel und Angst vor Terroranschlägen, die von zwei Drittel der Befragten als wichtige Sorge eingeordnet werden“, berichtet die FAZ unter dem Titel „Es ist der Klimawandel, Dummkopf!“, mit einem Demo-Foto der deutschen „Fridays for Future“-Ikone Luisa Neubauer.

Zwölf Jahre zuvor, im April 2007, klang das in der hochseriösen FAZ noch ganz anders: „Die Sorge ums Weltklima ist in eine Klimahysterie umgeschlagen. Dabei wechselten sich in der Erdgeschichte Kalt- und Warmzeiten ständig ab, ohne dass das ‚Klimagas‘ CO2 dabei eine Rolle spielte.“ Es drohe gar eine Klimadiktatur, prophezeite Christian Bartsch. Und weiter: „Der menschliche Beitrag zur Erzeugung von CO2 soll weder verniedlicht noch abgestritten werden. Nur taugt er nicht dazu, eine Klimahysterie auszulösen. Und schon gar nicht dazu, das Klima für 100 Jahre vorherzusagen, wenn es bereits schwerfällt, das Wetter für die kommenden drei Tage zu bestimmen.“

Bildergebnis für nestroySchon erstaunlich, was sich offenbar in der Wissenschaft, die sich mit Jahrmillionen befasst, in einem Dutzend Jahren verändern kann. Kalt- und Warmzeiten, schreibt die FAZ, hätten sich im Lauf der Erdgeschichte unablässig abgelöst: „Dabei gab es keinen Zusammenhang zwischen Temperatur und CO2 in der Atmosphäre.“ Berechnungen des Niels-Bohr-Instituts in Kopenhagen ließen vermuten, dass die abrupten Wärmeeinbrüche von sieben bis zehn Grad etwa alle 1470 Jahre zufällige Erscheinungen seien, gar „chaotische Fluktuationen des Klimasystems selbst. Es fehlen derzeit alle Daten, um Beziehungen zwischen den verschiedensten Ereignissen herstellen zu können. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre hatte darauf keinen Einfluss, er änderte sich völlig unabhängig davon.“

Erst nach dem – tatsächlich heißen – Juni 2019 kam auch die FAZ aufs Kohlendioxid: „Klar ist: Menschengemachte Klimagase in der Luft, vor allem Kohlendioxid aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, haben einen beträchtlichen Anteil, Extremwetter auszulösen, indem sie nämlich die Erde erwärmen und die Dynamik der Luftströmungen verändern.“ Bei so viel alternativen Fakten allein in einem Medium soll sich noch einer auskennen. Dabei geben sich die Klimaretter wirklich Mühe, die Berichterstattung der Medien in Klimafragen einheitlicher zu gestalten: „Hunderte Medien in den USA und anderen Ländern sind seit Monaten Teil einer Initiative namens ‚Covering Climate Now‘ (Klima Berichterstattung Jetzt). Das Projekt wurde im April 2019 gestartet und hat nach eigenen Angaben mehr als 350 Medienpartner“, schrieb kürzlich das Portal „Achse des Guten“.

Diejenigen, die vom kurz bevorstehenden Untergang der Welt nicht im politisch korrekten Ausmaß überzeugt sind, vermuten hinter dem weltweiten Medienhype rund ums Klima den Versuch, unter dem Deckmantel der Weltrettung zumindest neue Steuern durchzusetzen („Never waste a good crisis!“ © Hillary Clinton) oder gleich die Ökodiktatur auszurufen („Problem mit der aktuellen Demokratie“ © Carola Rackete). Der Ökonom Niko Paech will die Apokalypse gar durch weitreichende Verbote abwenden: „Vordringlich ist der Rückbau einer Mobilität, die mit dekadentem Luxus korrespondiert und dabei Massen an Öl verbraucht. Es gibt kein Menschenrecht darauf, eine Kreuzfahrt zu buchen. Es gibt kein Menschenrecht darauf, Urlaub mit dem Flugzeug zu machen“, verlangt Paech im Gespräch mit der dpa eine „Befreiung vom Überfluss“.

Geht es nach zwei Kollegen von Paech, Marc Friedrich und Matthias Weik, löst sich das Überflussproblem allerdings demnächst von selbst. Sie warnen auf dem Focus-Börsenportal vor einer „knallharten Rezession“ mit dramatischem Wohlstandsverlust und hoher Arbeitslosigkeit in Europa: „Demnächst werden wir freitags ganz andere Demos erleben.“

Wie schrieb schon Nestroy (in der Posse „Die verhängnisvolle Faschingsnacht“)? „Und ’s ist alles nicht wahr! Und ’s ist alles nicht wahr!“

 

„Lutschen Sie an Ihrer großen Zehe!“

Stellen Sie sich vor, ein Kärntner Schriftsteller erhält den Literaturnobelpreis, und kaum jemand freut sich. Peter Handke, Autor von Weltruf, stolpert über ein emotionales Naheverhältnis zu Serbien und dem mörderischen Ungustl Slobodan Milošević. Das amtierende Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Jugoslawien wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien im Mai 1999 wegen Völkermord, Massen­vertreibung und zahlreicher anderer Kriegsverbrechen angeklagt und nach seiner Abdankung zwei Jahre später nach Den Haag aus­geliefert. Der Prozess gegen ihn begann im Februar 2002 und zog sich auch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes in die Länge. Am 11. März 2006 wurde Milošević in seiner Zelle tot auf­gefunden und sieben Tage später in seinem serbischen Heimatort Požarevac begraben.

Handke hat den Schlächter von Srebrenica im Gefängnis besucht und an dessen Grab – zum Teil in Serbokroatisch – gesprochen, unter anderem: „Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwe­send, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Die sogenann­te Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich er­innere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.“

Der Aufschrei von Politik und Künstlerschaft war laut und hallt bis heute nach. Von Handkes literarischen Worten und Taten völlig losgelöst bahnt sich der Shitstorm der Missgünstigen seinen Weg: Der dänische Schriftsteller Carsten Jensen erklärt Handke taxfrei zu einem „gefährlichen Rechtsextremisten, der den Völkermord begrüßt“. Und der slowenische Philosoph Slavoj Žižek brandmarkt ihn gar als „Apologet des Völkermords“.

Dabei wird mit einer gewissen intellektuellen Großzügigkeit über den Unterschied zwischen Literatur- und Friedensnobelpreis hinweg gesehen, nicht nur inhaltlich: Für die Auswahl des Literaturnobelpreisträgers ist die beispielsweise die Schwedische Akademie zuständig, die dafür bisherige Preisträger, Hochschulprofessoren, Schriftstellerverbandspräsidenten aufbietet. Der Träger des Friedensnobelpreises wird vom fünfköpfigen Norwegischen Nobelkomitee ausgewählt, das vom Parlament ernannt wird. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe, die von der (in Österreich mit Vorliebe das eigene Nest beschmutzenden) Empörungsbewegung bereitwillig durcheinandergebracht und absichtsvoll verkehrtherum angezogen werden.

Auch in Kärnten, wo der zeitlebens Schwierige trotz seiner Weltläufigkeit dennoch Kontakt zu seiner Heimat Griffen und zu seinen slowenischen Wurzeln gehalten hat, hebt wie so oft das Matschkern an. Statt sich mit dem großen Sohn des Landes über die erstmals in der Landesgeschichte zuerkannte Auszeichnung zu freuen nach dem Motto „Wir sind Literaturnobelpreis!“, mäkelt man lieber am dünnhäutigen Verhalten Handkes bei kritischen Journalistenfragen herum. Die einen versuchen durch gemeinsame Fotos auf Facebook, den eigenen Schatten im hellen Lichte des Geehrten länger werden zu lassen (man nennt das nicht ohne Grund „parasitäre Publizität“). Die anderen wollen den Sockel, auf dem Handke nun für die Ewigkeit steht, vorsorglich abtragen, damit das eigene Mittelmaß im Vergleich zur lichten Höhe des Preisträgers nicht so schonungslos deutlich wird.

Die – auch journalistische – Reduktion eines lebenslangen literarischen Schaffens auf eine weltanschauliche Verirrung, ausgerechnet im Moment des höchsten Triumphs – das würde wohl auch weniger fein gesponnene Charaktere überfordern. Immerhin hat er den Kärntner Journalisten nicht gesagt, was er dem damaligen Kollegen Karl Wendl schon 1996 bei einer Diskussion im Wiener Akademietheater entgegengeschleudert hat: „Arschloch, Arschloch(…) Stecken Sie sich Ihre Betroffenheit in den Arsch, gehen Sie nach Hause, lutschen Sie an Ihrer großen Zehe. Hauen Sie ab, ich rede nicht mehr mit Ihnen.“

Man sollte Peter Handke den großen Moment gönnen. Wie Elfriede Jelinek, die Nobelpreisträgerin 2004: „Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen“, schrieb die Autorin der APA. Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, „auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden.“

Da wird in guter ösischer Tradition wohl erst posthum eintreten.

Die 5G-Verschwörung

Immer das gleiche Bild: Ausgerechnet der Mensch als vermeintlich am weitesten entwickeltes Lebewesen zerstört die natürliche Existenzgrundlage der Erde. Seine Unkrautvernichter killen Milliarden von Insekten, seine Gier schreckt nicht einmal vor dem Raub des Sandes an den Tourismusstränden dieser Welt zurück, und seine neuen Technologien töten.

Tatort Den Haag im November 2018: Große Schwärme an Zugvögeln haben sich in einem Park versammelt, um die große Reise nach Süden anzutreten. Plötzlich liegen hunderte tot am Boden, die Ursache scheint klar: ein missglücktes Experiment mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G. „Die Tiere starben alle an Herzversagen, obwohl sie körperlich gesund waren. Es gab keine Anzeichen für eine Erkrankung, keinen Virus, keine bakterielle Infektion, gesundes Blut, keinen Hinweis auf Vergiftung usw. Die einzig vernünftige Erklärung, die übrigbleibt, war die Einwirkung von Mikrowellen. Denn diese HABEN bekanntermaßen eine Wirkung der Vogelherzen!“, schreibt die Internetseite connectiv.events (wörtlich).

Bildergebnis für Vogelsterben den HaagWeltbevölkerung „reduzieren“

Warum die tödliche Wirkung von „Mikrowellen“ nicht längst weltweit diskutiert wird? „Offenbar soll das nicht bekannt werden und hinter 5G stehen milliardenschwere, wirtschaftliche Interessen“, vermutet die Website. Beim Test eines neu errichteten Funkturms auf einem Gebäude in der Nähe des Parks seien die Vögel „massenhaft von den Bäumen gefallen“. Doch dies sei erst der Anfang, schwurbeln die (nicht genannten) Autoren (auch wörtlich zitiert) weiter: „So etwas ist natürlich auch Öl ins Feuer derer, die hier einen Zusammenhang sehen mit der ‚UN-Agenda 21‘ und der Forferung auf den Georgia Guidestones überein, wo offen eine Reduktion der Weltbevölkerung auf 500 Millionen Menschen propagiert wird. Wie genau die ‚überflüssigen‘ 6,6 Milliarden Menschen ‚reduziert‘ (getötet?) werden sollen, steht nicht in der Agenda 21.“

Offizielles Dementi: Keine 5G-Tests

Der vermeintliche hundertfache Vogelmord erregte auch die Aufmerksamkeit der Faktenchecker von Mimikama. Sie recherchierten, dass die Vögel keineswegs plötzlich vom Himmel gefallen sind, sondern in einem Zeitraum von zwei Wochen jeweils morgens unter ihren Schlafbäumen gefunden wurden. Auf Anfrage erklärte die offizielle niederländische „Radiocommunications Agency“, dass es im fraglichen Zeitraum keinerlei 5G-Tests in der Umgebung des Todesparks gegeben habe.

Todesursache Eibebeeren

Das endgültige Aus für die alternativen Vogelfakten von connectiv.events und anderen Weltverschwörungsmedien kam allerdings etwas später von der Universität von Wageningen: Erste Untersuchungsergebnisse an 30 Vögeln ergaben, dass sie an giftigen Bestandteilen der Eibebeeren verendet sind. Alle untersuchten Vögel hatten Rückstände des Giftes in der Leber. Normalerweise fressen die Vögel nur die Beeren und nicht die für sie giftigen Kerne und Blätter.

Falscher Alarm

Auch die im heurigen Februar befürchtete Verseuchung der Nordsee durch über Bord gegangene Giftcontainer erwies sich als falsch. 20.000 tote Trottellummen wurden an den Küsten der Niederlande angeschwemmt, sofort war ein havariertes Containerschiff als Ursache ausgemacht, das Anfang Januar 345 Container in der Nordsee verloren hatte. Ersten Untersuchungen nach sind die vorwiegend jungen Tiere allerdings verhungert.

Immer wieder werden Stromleitungen und Mobilfunkeinrichtung aufgrund der von ihnen ausgehenden Magnetfelder für Veränderungen in Flora und Fauna verantwortlich gemacht. Konkrete Zusammenhänge konnten allerdings wissenschaftlich bisher nicht bestätigt werden. Eines ist sicher: Mit Funk alleine wird die angeblich angestrebte Reduktion der Weltbevölkerung also nicht funktionieren.

 

Infobox: 5G

5G ist die kommende Generation drahtloser Breitbandtechnologie. Die Technologie bietet im Vergleich zum jetzigen 4G eine höhere Geschwindigkeit und bessere Abdeckung. Die in Europa geplanten Frequenzen sind 3400-3800 MHz und 24.25-27.5 GHz sowie 31.8-33.4 GHz. (mimikama)

Windige Wende

Saubere neue Welt: Von der Atomkraft hat sich Deutschland schon verabschiedet, binnen weniger Jahre werden wir keine fossilen Brennstoffe mehr verheizen, die Autos summen bald elektrisch und abgasfrei, Wind und Fotovoltaik versorgen die Wirtschaft und Gesellschaft mit günstiger grüner Energie. Diese Vision ist verlockend schön – und grundfalsch.

In keinem Themenbereich – außer vielleicht in der US-amerikanischen Außenpolitik – wird derzeit mehr Unsinn verzapft als in der europäischen Energiepolitik. Während sich die Grünen in Österreich mit verstörenden Forderungen zurückhalten und sich auf ihre politische Wiederauferstehung bei der Nationalratswahl im Herbst konzentrieren, überbieten sich Parteien und Protestler in Deutschland gegenseitig mit Forderungen. Die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, kurz meist Kohlekommission genannt, schlug kürzlich den Ausstieg aus der Braunkohleförderung und -nutzung bis 2038 vor. Noch früher, 2030, soll sich Deutschland nach der Meinung des grünen Spitzenpolitikers Robert Habeck vom Verbrennungsmotor verabschieden. Irgendwo dazwischen sollen die Treibhausemissionen auf null sinken und zu 100 Prozent erneuerbare Energieträger eingesetzt werden, verlangen die Klimaaktivisten.

Klügste Köpfe

Nicht nur die Industrie schüttelt skeptisch den Kopf. Unter dem wissenschaftlich-dürren Begriff „Sektorkopplung“ haben sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften grundsätzlich mit Fragen der Energiewende befasst. Deutschlands klügste Köpfe haben in der über 160 Seiten starken Analyse aus dem November 2017 ein paar erstaunliche Fakten zutage befördert, die im Wesentlichen (und größenbereinigt) auch für Österreich Gültigkeit haben dürften.

Ökologischer Albtraum

Die sogenannte Dekarbonisierung, also die Zurückdrängung von Kohlenwasserstoff bedeutet nämlich, dass auch die Sektoren Verkehr und Wärme elektrifiziert werden müssen, weshalb sich der prognostizierte Strombedarf bis 2050 etwa verdoppelt; da sich die Experten auf Fotovoltaik und Windkraft als Alternativen beschränken, kommt die Studie zum Schluss: „Die installierte Leistung an Windkraft und Fotovoltaik müsste in diesem Fall … gegenüber heute versiebenfacht werden.“ Eine Versiebenfachung bei der Windenergie würde selbst bei Verdopplung der Kapazität der einzelnen Generatoren die deutsche Landschaft radikal verändern, schreibt Professor Fritz Vahrenholt von der Universität Hamburg in der Schweizer „Weltwoche“: „Verteilt in einem Netz übers ganze Land, käme alle 1,5 Kilometer eine 200 Meter hohe Windmühle zu stehen. Man sollte sich das plastisch vorstellen. Der süße Traum der sanften Wende entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ökologischer Albtraum.“

Gesamtkosten 4600 Milliarden Euro

Der bei ökonomischer Betrachtung nahtlos weitergeht. Vahrenholt, laut Medienberichten des Industrielobbyings nicht unverdächtig: „Das heutige Energieversorgungssystem kostet pro Jahr 250 Milliarden Euro. Will man das CO2-Zwischenziel von 60 Prozent Einsparung in den nächsten zehn Jahren erreichen, kostet das 1500 Milliarden zusätzlich.“ Bis zur Reduktion um 90 Prozent wären stufenweise in Summe  4600 Milliarden Euro fällig – oder für jeden deutschen Haushalt Monat für Monat 320 Euro, 30 Jahre lang.

Wärmefaktor Mensch

Aber auch in Österreich wird an einem energiepolitischen Kraftakt kein Weg vorbeiführen, sind Ingmar Höbarth, der Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, und Peter Püspök, der Präsident des Dachverbands Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ), überzeugt. „In diesem Strukturwandel steckt auch eine enorme Chance für Österreichs Wirtschaft, wenn sie sich mit innovativen Technologien, Dienstleistungen und Ideen am globalen Markt positionieren kann“, schreiben sie im „Faktencheck Energiewende“. Hier wird mit zahlreichen Mythen aufgeräumt, zum Beispiel mit der Behauptung, dass die Sonnenaktivität für die Erderwärmung verantwortlich sei. Für 97 Prozent der Wissenschaftler weltweit steht der Schuldige fest: der Mensch.

Dieser Text ist erschienen im Magazin advantage/Juli 2019.

Die Leistungsgesellschaft und ihre Kinder

Früher einmal war das Leben einfach. Wer in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders eine vernünftige Ausbildung hatte, einen geraden Rücken und eine gewisse Zielstrebigkeit, der konnte darauf vertrauen, dass es ihm einmal materiell deutlich bessergehen würde als seinen Eltern – was diese auch oft und offen als Hoffnung zum Ausdruck brachten. Es war die hohe Zeit des Mittelstandes: Dazu gehörte, wer sich ein schmuckes Häuschen im Grünen leisten konnte und alle drei Jahre ein neues Auto kaufte. Es waren viele: Nicht nur hohe Angestellte, auch Arbeiter genossen einen nie gekannten Wohlstand, ließen die Kinder studieren und verbrachten den Sommerurlaub am Meer. Zu fünft im VW Käfer von Berlin an die Adria war damals keine Horrorvorstellung, sondern ein Lebensziel.

Von einem solchen Aufstieg können die „Millennials“ – junge Menschen, die um das Jahr 2000 herum Teenager waren – heute nur träumen. „In Deutschland stirbt der Traum vom Eigenheim“, titelte schon vor mehr als einem Jahr „Die Welt“. Laut einer Umfrage sind 56 Prozent der Deutschen überzeugt, sie würden niemals ein Eigenheim besitzen. Verdammt zur Miete, lebenslang. Der Grund dafür sind nicht nur die hohen Immobilienpreise, sondern auch die Nebenkosten wie Makler, Notar und Grunderwerbssteuer von durchschnittlich 50.000 Euro. Zumindest die sollte man auf der hohen Kante haben – für viele Fehlanzeige. Auch in Österreich.

Der aktuelle Einkommensbericht des Rechnungshofs (Lohnsteuerdaten 2017) erlaubt einen Blick auf die möglichen Ursachen. Der KURIER berichtet: „Unselbstständig Erwerbstätige (ohne Lehrlinge) erzielten demnach ein mittleres Bruttojahreseinkommen (Median) von 27.545 Euro. … Inflationsbereinigt bedeutet dies im Langzeitvergleich seit 1998 eine Stagnation. … Vergleicht man die inflationsbereinigte Entwicklung der Bruttojahreseinkommen aller unselbstständig Erwerbstätigen, ergibt sich ein Einkommensverlust von drei Prozent, heißt es im Einkommensbericht.“

Besonders hart hat die Entwicklung die Arbeiter getroffen: 2017 erreichte ihr Bruttomedianeinkommen nur 87 Prozent des mittleren Einkommens des Jahres 1998. Im Gegensatz dazu stiegen die Bruttomedianeinkommen der Angestellten seit 1998 um drei Prozent, jene der Beamten hingegen um 26 Prozent (!). Das Bruttoinlandsprodukt – eine Kennzahl für die gesamtwirtschaftliche Leistung – wuchs im gleichen Zeitraum von 196 auf 369 Milliarden Euro. Ohne viel volkswirtschaftlichen Scharfsinn lässt sich feststellen: Irgendjemand hat in diesen 20 Jahren ordentlich zugelegt, und die unselbstständig Erwerbstätigen waren es nicht; die Ein-Personen-Unternehmen (EPU, die mittlerweile 56 Prozent aller Betriebe in Österreich ausmachen) und die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) auch nicht.

Bleiben vom Traum vom besseren Leben nichts als alternative facts? Wie sieht die Navigation für ein Leben aus, das nicht nach dem olympischen Ideal schneller, höher, stärker ausgerichtet ist? Was kommt nach der Leistungsgesellschaft?

Eine Antwort gibt vielleicht „Die Zeit“ kürzlich in einer „Zukunftsanalyse“. Sie hat die Arbeiten von Jane Loevinger, einer mittlerweile verstorbenen US-Entwicklungspsychologin, ausgegraben, die nach tausenden von persönlichen Interviews glaubte, eine Gesetzmäßigkeit in der Persönlichkeitsentwicklung gefunden zu haben. Sie vermutete, dass jedes Ich einer festgelegten Reihe von Entwicklungsstufen folgt. E5 ist autoritätsgläubig, moralisch, konservativ; E6 sind die Prototypen der Leistungsbereiten. Doch danach kommt mit E7 die große Veränderung: Die „Individualisten oder Pluralisten“ hinterfragen Regeln des sozialen Zusammenlebens, Werte, Normen, Maxime und Rollenidentitäten. Sie pfeifen auf Leistung, ignorieren die Nationalität und sind Verfechter von Diversität: „Sie unterstützen die Gleichwertigkeit aller Geschlechter, sexueller Orientierungen, Ethnien, sozialer Schichten, Beziehungs- und Lebenskonzepte bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen und zur Polyamorie“, schreibt „Die Zeit“.

Sehr alternative jedenfalls.

Dieser Text ist erschienen im Magazin advantage.

Stiller Wirtschaftskrieg um den Diesel

Rudolf Diesel war ein zäher Mann. Mit Verbissenheit versuchte er, den Kolbenmotor ohne aufwändige Zündung, nur durch die Kompression des Treibstoff-Luft-Gemisches zum Laufen zu bringen. 1893 drehte der Prototyp aus eigener Kraft, aber es sollte statt eines geplanten halben vier lange Jahre weitere Entwicklungszeit in der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (daraus entstand der heutige MAN-Konzern mit fast 55.000 Mitarbeitern in 180 Ländern der Welt) dauern, bis 1897 das erste praxistaugliche Modell präsentiert wurde: Der Dieselmotor war geboren und schrieb eine weltweite Erfolgsgeschichte.

Zuerst war er als stationäre Kraftmaschine im Einsatz, dann als Lkw-Kraftquelle. Zum wahren Diesel-Boom in Pkw kam es aber erst, als Audi 1989 den TDI (Turbodiesel Direct Injection) mit 120 PS aus einem 2,5-Liter-Fünfzylinder präsentierte und aus dem trägen Dauerläufer einen munteren Alltagsbegleiter und agilen Sprinter machte: Schon 1998 siegte ein Diesel-BMW beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. 2006 gewann Audi mit dem R10 TDI (650 PS und 1.100 Newtonmeter Drehmoment) sogar die legendären 24 Stunden von Le Mans.

Etwa 120 Jahre nach ihrer Geburt muss am Fortleben dieser revolutionären Antriebsidee gezweifelt werden. Ausgelöst durch den VW-Abgasskandal wollen Lobbys aus aller Welt der Erfindung von Rudolf Diesel den Sprit abdrehen. Ihr Argument: Diesel sind wahre Killermaschinen. „107.000 Tote durch Dieselabgase“, titelte der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr.de) im Februar 2018. Eine US-amerikanische Studie der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) in Washington macht die Stickoxide aus Dieselabgasen für das Massensterben verantwortlich. In Europa müssten 11.400 Menschen (von 28.500 vorzeitigen Todesfällen durch Stickoxide aus Dieselabgasen) weniger sterben, wenn die Autos die gesetzlichen Grenzwerte einhalten würden. Dabei dürften Pkw gar nicht die Hauptverantwortlichen sein: „Der Schwerlastverkehr – größere Lkw und Busse – trug bei Weitem am meisten zu den überschüssigen Stickoxiden bei, nämlich zu 76 Prozent“, sagt Josh Miller vom International Council on Clean Transportation (ICCT) in Washington, Mitautor der Studie, laut mdr.

Das deutsche Umeltbundesamt ist da anderer Meinung: „Dieselmotoren sind aktuell eine relevante NOx-Quelle und tragen signifikant dazu bei, dass an verkehrsnahen Messstellen der Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) vielerorts nicht eingehalten wird. In 2016 waren Diesel-PKW für über 70 Prozent der NO2-Emissionen des Straßenverkehrs in Städten verantwortlich“, steht auf der Website.

Für den renommierten Wissenschafter Professor Dieter Köhler, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (Lungenheilkunde) und des Verbandes Pneumologischer Kliniken, sind diese Aussagen „geradezu abenteuerlich“. Die der Behördenschätzung von bis zu 6000 „vorzeitigen Todesfällen“ durch Stickoxide zugrunde liegende Studie hinterfrage viele Störfaktoren nicht bzw. sei gar nicht in der Lage, 1000-fach höhere Störfaktoren wie Zigarettenrauchen zu eliminieren. Köhler rechnet vor: „Die NO2-Menge liegt im Rauch einer Zigarette bei rund 300.000 Mikrogramm pro Kubikmeter. Nimmt man ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von zehn Litern an, atmet der Raucher 30.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ein. Nach wenigen Tagen hätte er die gleiche Dosis erreicht wie ein Nichtraucher, der ein Leben lang die Grenzdosis von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft einatmen würde. Bei einer Schachtel am Tag müssten demnach nach einigen Monaten alle Raucher alleine durch das NO2 sterben. Das geschieht jedoch nachweislich nicht.“

Aber auch bei den Feinstäuben, die angeblich laut einer im britischen Fachblatt „Environmental Research Letters“ publizierten Studie 10.000 Todesopfer in Europa fordern, gibt es eklatante Meinungsunterschiede. Lungenfacharzt Köhler ist sich sicher, dass die Feinstaubemissionen der jüngeren Vergangenheit keinen einzigen Todesfall verursacht hätten. Die aktuellen Mengen in der Außenluft seien nahezu ohne Bedeutung für die Gesundheit. „Zigarettenrauch hat millionenfach mehr Feinstaub als die Luft an Hauptverkehrsstraßen. Selbst passives Rauchen ist deutlich gefährlicher“, relativierte Köhler. Schuld an der hysterischen Diskussion sind laut dem Fachmann vorwiegend Messfehler und Schwächen bei den Untersuchungsmethoden.

Dass der mit harten Bandagen und offenbar jeder Menge opinion engineering geführte Kampf um den Diesel etwas damit zu tun haben könnte, dass in den USA sehr wenige und in Europa mit seiner starken Automobilindustrie sehr viele Dieselautos fahren und die Amerikaner durch die anhaltende Diskussion einen starken Konkurrenten schwächen wollen, fällt selbstverständlich unter alternative facts. Beim stillen, aber umso heftiger geführten Wirtschaftskrieg geht es allein in Deutschland um einen Branchenumsatz von 400 Milliarden Euro: Fast acht Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung „Made in Germany“ gehen direkt oder indirekt auf die Autoproduktion zurück. Drei Viertel aller Fahrzeuge aus Stuttgart, Wolfsburg oder München werden exportiert. Und über 800.000 Menschen arbeiten in Deutschland bei Autobauern und Zulieferern.

Noch.

„Hetzjagd“ von Chemnitz: Fanal oder Fake?

Es ist der Medienhype des Spätsommers: In den frühen Morgenstunden des 26. August stechen zwei Asylwerber drei Deutsche in Chemnitz nieder, ein 35-jähriger Tischler stirbt. Noch am Sonntag rufen die AfD und rechtsextreme Gruppierungen zu Protesten auf, die in der Folge zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der knapp 250.000 Einwohner zählenden Industrie- und Universitätsstadt führen. Die schwachen Polizeikräfte – 800 aufgebrachten Demonstranten stehen nur rund 80 Exekutivbeamte gegenüber – können die Protestmärsche im Zuge eines länger geplanten Stadtfestes nicht unter Kontrolle bringen. Am Montag sind es schon tausende Empörte und 1500 Gegendemonstranten, die von der Polizei nur mühsam getrennt werden können. Es kommt zur Verfolgung und Bedrohung von Migranten.

Die deutsche Politik ist außer sich. Bundeskanzlerin Merkel schafft es, der Empörung der Bundesregierung Ausdruck zu verleihen: „Wir haben Videoaufnahmen darüber, dass es Hetzjagden gab, dass es Zusammenrottungen gab, dass es Hass auf der Straße gab, und das hat mit unserem Rechtsstaat nichts zu tun. Es darf auf keinem Platz und keiner Straße zu solchen Ausschreitungen kommen.“ Regierungssprecher Steffen Seibert wettert auf Twitter: „In Deutschland ist kein Platz für Selbstjustiz!“ Das Schweizer Außenministerium gibt allen Ernstes eine Reisewarnung für seine Bürger heraus: „Das Land ist stabil. In den großen Städten kann es aber zu Demonstrationen kommen. Lassen Sie in der Umgebung von Demonstrationen Vorsicht walten, da Ausschreitungen möglich sind.“

Die deutschen Medien hyperventilieren: Von Gewaltexzessen ist die Rede, die Leitartikler der deutschen Qualitätsmedien übertreffen sich in Betroffenheitsbekundungen, in Interviews mit den unvermeidlichen Experten wird Sachsen als Hort des Rechtsextremismus und Rassismus dingfest festgemacht. „Hetzjagd in Chemnitz – Bewährungsprobe für den Rechtsstaat“ ist das Thema von Maybrit Illner am 30. August. „Eine regelrechte Pogromstimmung herrschte in Chemnitz“, heißt es im Teaser. „Der rechtsextreme Angriff auf die Demokratie ist im vollen Gange“, mahnt Patrick Gensing auf tagesschau.de. „Woche der Wut“ wird die Bildzeitung später titeln. 65.000 Menschen folgen dem Aufruf der Band Kraftklub und dem Bündnis Chemnitz Nazifrei und setzen, so die spürbar erleichterten Berichterstatter, eine Woche nach den Ausschreitungen „ein Zeichen gegen Faschismus und Rassismus“. Dessen Titel „wir sind mehr“ verbreitet sich wie ein Lauffeuer über die sozialen Medien. Langsam atmen Politik und Medien auf: Noch einmal hat das Gute über das Böse gesiegt, die deutsche Demokratie ist gerettet, man hat es – schon wieder – geschafft.

Und dann das. Ausgerechnet der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, äußerte wenige Tage nach den Ereignissen Zweifel. „Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz wird von mir geteilt“, soll Maaßen gegenüber der Bild-Zeitung gesagt haben. Dem Verfassungsschutz lägen „keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben“. Und Maaßen, zweifelsohne in vollem Bewusstsein über die Brisanz dieser Aussage, ging noch weiter: Nach seiner „vorsichtigen Bewertung“ würden „gute Gründe dafürsprechen, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken“.

Die Strafe für den Ungläubigen folgte sofort: SPD, Grüne, Linke und FDP zeigten sich empört, Rücktrittsforderungen wurden laut. Dumm nur, dass sich der sächsische Innenminister Roland Wöller hinter Maaßen stellte: Er verwies im MDR darauf, dass auch der Generalstaatsanwalt in Sachsen keinerlei Erkenntnisse habe, dass es sich um Hetzjagden gehandelt habe. Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte schon zuvor in einer Regierungserklärung gesagt: „Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, es gab kein Pogrom in Chemnitz.“ Maaßen’s Schicksal war damit allerdings besiegelt, für ihn wird jetzt in Horst Seehofers Innenministerium ein Abschubposten geschaffen, nachdem er für seine ketzerischen, wenn auch bis heute unwiderlegten Aussagen beinahe noch mit einem Staatssekretariat belohnt worden wäre. Das verhinderte allerdings im letzten Moment die SPD mit der Maximaldrohung eines Koalitionsbruchs.

Die Faktenlage bezüglich der „Hetzjagd“ ist also sehr alternativ. Verlass ist heutzutage offenbar nur mehr auf die Leistungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf): Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, legte einer der mittlerweile in U-Haft befindlichen Messerstecher, der mutmaßliche Iraker Yousif A. (eventuell 22), gefälschte Dokumente vor; er kann aber nicht abgeschoben werden, weil man ja nicht weiß, wohin eigentlich, und wurde mittlerweile wieder auf freien Fuß gesetzt. Der andere, der – vielleicht – Syrer Alaa S. (möglicherweise 23), wurde auf Grundlage einer „Selbstauskunft“ als Flüchtling anerkannt, weil das personell unterbesetzte Amt mit der Überprüfung der Angaben nicht nachkam. Ein dritter Tatbeteiligter ist bis heute flüchtig.

Die Wahrheit ist es auch.

 

Dieser Text ist erschienen im Wirtschaftsmagazin Advantage.

Ein bisschen Frieden

Das wünschte sich schon die blutjunge Nicole und gewann damit 1982 den Eurovision Song Contest. 36 Jahre später geht die Israelitin Netta aus dem Wettsingen als Siegerin hervor, in ihrer Heimat sterben nach wie vor täglich Menschen und der nahe Osten ist immer noch – oder schon wieder – ein großer Unruheherd voller Blut und Tod. Das verwundert umso mehr, als doch ausgerechnet der frühere US-Präsident Barack Obama schon 2009 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Was für eine Auszeichnung: Eine der höchsten und ehrenvollsten, die diese Welt zu vergeben hat. Als Nobelpreisträger befindet man sich in der Gesellschaft von Henry Dunant, des Gründers des Roten Kreuzes (der Erste, 1901), Völkerbund-Initiator Woodrow Wilson (1919), Albert Schweitzer (1952), Martin Luther King (1964), Andrej Sacharow (1975), Mutter Teresa (1979) oder Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk (1993).

Das norwegische Nobel-Komitee begründete seine Entscheidung für Obama mit dessen außergewöhnlichen Bemühungen zur Stärkung der internationalen Diplomatie und zur Zusammenarbeit zwischen den Völkern: „Das Komitee hat dabei besonderes Augenmerk auf Obamas Vision und seine Arbeit für eine Welt ohne Atomwaffen gelegt.“

Tatsächlich dürfte es sich dabei auch bei den Norwegern um Visionen gehandelt haben: In die Amtszeit Obamas fällt die politische Destabilisierung Nordafrikas und des Nahen Ostens, die eine der größten Flüchtlingswellen der vergangenen Jahrzehnte in Richtung Europa ausgelöst hat. Aus den zwei Kriegen, die Obama von seinem Vorgänger George W. Bush übernommen hatte – Afghanistan und Irak – wurden in seiner Präsidentschaft acht militärische Konflikte weltweit, in die die USA involviert waren: Irak, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Uganda, Somalia, Jemen und Kamerun. „Unter ihm (Obama, Anm.) war die amerikanische Nation zwei Amtszeiten ununterbrochen im Krieg“, resümierte die „New York Times“.

Sieger – und Nobelpreisträger – sehen anders aus.

Doch davon hat sich das Nobelpreiskomitee nicht beeindrucken lassen. „Die Vision einer atomwaffenfreien Welt hat den Verhandlungen über Abrüstung und Rüstungskontrolle kräftige Impulse verschafft. Dank Obamas Initiative spielen die USA nun eine konstruktivere Rolle, um dem massiven Klimawandel zu begegnen, mit dem die Welt sich konfrontiert sieht. Demokratie und Menschenrechte gewinnen an Stärke“, lautete die Begründung 2009 weiter. Aus dem Atom-Abrüstungsvertrag mit dem Iran ist Obamas Nachfolger Trump mittlerweile ebenso ausgestiegen wie aus dem Pariser Klimaschutzabkommen; insofern ist es nur logisch, dass Trump bereits als nächster Friedensnobelpeisträger gehandelt wird. „Ich kann bestätigen, dass Trump nominiert ist“, sagte der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts, Henrik Urdal, laut „Spiegel online“ der Onlinezeitung „Nettavisen“. Das ist Trump allerdings bereits zum dritten Mal, dieses Mal wegen der sonderbaren Annäherung an den nordkoreanischen „rocket man“ Kim Jong-Un, der seinem international für Entrüstung sorgenden Atomwaffentestprogramm überraschend abgeschworen und den Abbruch des Testgeländes angeordnet hat. Dieses sei allerdings schon zuvor durch Atomversuche instabil und unbrauchbar geworden, meinen Experten.

Allerdings geht es auch bei Nobelpreisen selbst nicht immer friedlich zu, wie derzeit das schwedische Literaturnobelpreis-Komitee erleben muss. So wird der begehrte Preis heuer nicht verliehen: Die hochrangige Jury ist aufgrund eines Sex-, Steuer- und Korruptionsskandals dermaßen zerstritten, dass an eine geregelte Auswahl und Preisvergabe gar nicht zu denken ist. Dem Mann eines Komiteemitglieds wird vorgeworfen, gleich 18 Frauen sexuell belästigt zu haben, darunter auch die schwedische Prinzessin Viktoria. Der soll der Unhold bei einer Veranstaltung unter anderem an den Hintern gefasst haben, was laut „Dagbladet“ drei voneinander unabhängige Augenzeugen bestätigen.

Kein bisschen Frieden, wie es scheint.

Dieser Text ist erschienen im Juni 2018 in einer Beilage zu Magazinen der Verlagsgruppe NEWS.