Die verlorene Resilienz

Die heute in der „Kleine Zeitung“ veröffentlichte „Außensicht“ von Monika Wogrolly ist ein derart interessantes Beispiel für perspektivische Realitätsverzerrung, dass ihr lauthals widersprochen werden muss. Das fängt schon am Anfang an: Nicht das Virus sei der Täter, diagnostiziert die Therapeutin, sondern die Regierenden, die „gewaltsam in die Selbstbestimmung der Menschen eingreifen“ würden.

Wogrolly

Abgesehen davon, dass wir mit staatlicher Gewalt wohl eher den Holocaust, kommunistische Umerziehungslager oder US-Gefängnisse wie Guantanamo assoziieren, stimmt Wogrolly damit in den Chor jener Bedenkenträger ein, die im jüngsten – man kann durchaus sagen: unerwartet kräftigen – Lebenszeichen der österreichischen Politik die Gefährdung der Menschenrechte (zumindest der spezifisch österreichischen wie etwa auf Apfelstrudel im Kaffeehaus) und die Vorstufe zur Diktatur beklagen. Wenn uns dieser Staat jeden Monat zur Finanzierung seiner meist gut gemeinten und oft weniger gut gemachten Aufgaben „gewaltsam“ die Hälfte unseres Verdienten abnimmt, beunruhigt das kaum; aber wenn wir einmal ein paar Wochen zum eigenen und anderer Leute Wohl bestversorgt von Lebensmitteln bis Netflix zu Hause bleiben sollen, ist die Demokratie in Gefahr.

Dass Österreich ein einig Volk von Frischluftfanatikern und Outdoorfreaks ist, die am liebsten im Freien leben und nur im äußersten Notfall Unterschlupf in den eigenen vier Wänden suchen, war wohl bis zur Ausgangsbeschränkung den Wenigsten in diesem Ausmaß bewusst. Ein wenig erinnert dieser Effekt an Erkenntnisse der Kindererziehung: Wenn man etwas verbietet, wird noch das fadeste Spielzeug schlagartig interessant.

Besonders betroffen macht Frau Wogrolly der Umstand, dass denen, die Covid-19 immer noch für eine Art Grippe hielten, ein rauer Wind entgegenwehe: „Gerade dass nicht Scheiterhaufen errichtet werden für jene, die zweifeln oder kritisch bleiben.“ Das, liebe Frau Wogrolly, rührt daher, dass jene, die allen verfügbaren Fakten, seriösen journalistischen Aufarbeitungen und Bilddokumenten des Grauens zum Trotz das Coronavirus noch immer für eine seichte Influenza halten und glauben, dass eine globale politische Verschwörung vorsätzlich die Weltwirtschaft zugrunde richten will, um autoritäre Regime zu errichten oder zumindest das Bargeld abzuschaffen, schlicht nicht alle Latten am Zaun haben.

Es gibt keine Neutralität zwischen Gut und Böse, meinte der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan auf dem Höhepunkt des kalten Kriegs. In Anlehnung daran kann ohne offizielle Selbstaufgabe des Intellekts auch nicht „kritisch bleiben“, wer mit eigenen Augen sieht, wie von Italien über Spanien bis in die USA die Krankenhäuser überquellen und Särge mit Lastwagen in angemieteten Hallen gekarrt werden müssen, weil man die Leichen nicht so schnell verbrennen kann, wie sie aus den Spitälern kommen. Das soll die alljährliche Grippewelle sein, die uns die Lückenmedien absichtsvoll verschweigen? Aber es ist offenbar äußerst schick, sich als Zweifler und Skeptiker aufzuspielen, zur Not auch gegenüber den Grundrechenarten im Zahlenraum zehn.

In Wogrollys Text fehlt nur der empörte Aufschrei über Kanzler Kurz, der gewagt hat, die Wiederinkraftsetzung der Reisefreiheit von einem wirksamen Medikament gegen die Coronaseuche abhängig zu machen. Was für ein kaltherziger Anschlag auf die Bürgerrechte: Wir kasteien uns allesamt für Wochen, vielleicht Monate, unter schwerster Beeinträchtigung der Wirtschaftskreisläufe, damit irgendwelche Fernreisefans das soeben vertriebene Virus aus anderen Erdteilen mit weniger Möglichkeiten und/oder Disziplin wieder nach Österreich zurückbringen. Was stimmt eigentlich nicht mit euch?

Und während ich immer noch grüble, warum eine Bekannte kürzlich auf Facebook gestand, sie habe nach ihrem ersten Einkauf mit Gesichtsmaske weinen müssen, fällt mir die Erzählung einer älteren Dame ein: Sie hat 1944 mit ihren jüdischen Eltern neun Monate auf einem Dachboden gehaust, mit dem Nötigsten versorgt von anderen Hausbewohnern, zu jeder Sekunde darauf gefasst, die harten Stiefel irgendwelcher Nazischergen auf der Stiege zu hören, die kämen, um sie abzuholen. Welche Last, welches Schicksal, und dabei hatte das kleine Mädchen und seine Eltern noch mehr Glück als sehr viele andere.

Das ist nicht einmal achtzig Jahre her. Und heute bekommen manche von uns Weinkrämpfe, weil sie sich beim Shoppen vor vollen Regalen ein Papierfetzerl umhängen müssen. Psychologen wie Frau Wogrolly nennen das üblicherweise mangelnde Resilienz[1] – und jammern nicht über verlorene Selbstbestimmung.

 

 

 

[1] Resilienz oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Wikipedia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s