Einsatz von Massenverblödungswaffen

Die strategisch geplante Schaffung alternativer Wahrheitswelten wird immer mehr zum Bestandteil unkonventioneller Kriegsführung. Die übliche Einteilung in A, B und C (atomar, biologisch und chemisch) muss daher um die Kategorie der D-Waffen (für desinformativ) erweitert werden. Wie sich nun herausstellt, könnte das jüngste virtuelle, unblutige, aber um nichts weniger folgenschwere Einsatzgebiet für Massenverblödungswaffen das englische Brexit-Votum gewesen sein.

Der Datenanalyst Christopher Wylie steht im Mittelpunkt des jüngsten Skandals, der den Ausstieg Großbritanniens aus der EU in einem anderen Licht erscheinen lässt. Er und zwei weitere „Whistleblower“ haben der britischen Wahlkommission ein 46-seitiges Dossier sowie drei Aktenordner mit E-Mails und Zeugenaussagen übergeben, um die Verstrickung der Firma Cambrigde Analytica mit führenden Brexit-Strategen zu belegen. Eine solche großangelegte Meinungsmanipulation würde auch eine das innere Erstaunen über das britische Volk beruhigende Erklärung dafür bieten, wie es denn sein kann, dass so viele Insulaner offensichtlich verhaltensauffälligen Sonderlingen wie Nigel Farage oder Boris Johnson auf den Leim gegangen sind.

Die Geschichte liest sich wie der Thriller „Zero“ des österreichischen Autors Marc Elsberg (dringende Leseempfehlung): Über eine Scheinfirma in Kanada sollen im Auftrag der „Vote Leave“-Kampagne Facebook-Daten über Millionen von Personen dazu missbraucht worden sein, Persönlichkeitsprofile zu erstellen, Vorlieben und Schwächen zu analysieren und damit ganze Bevölkerungsgruppen durch Falschmeldungen gezielt in die Irre zu führen. „Aus den Daten entwickelt man maßgeschneiderte Werkzeuge für die psychologische Beeinflussung – das sogenannte Targeting. Danach führt man die Menschen in einen Tunnel voller Fake News“, erklärt Wylie auf Spiegel online.

Dabei dürften die EU-Gegner auch noch die Wahlkampfkostengrenze von sieben Millionen deutlich gerissen haben: Um 625.000 Pfund – weit mehr als 700.000 Euro – nämlich, die angeblich auf dunklen Kanälen in die kanadisch-britische Meinungsmanipulationsmaschine gepumpt wurden. Die Folge: Die Briten stimmten mit 52 zu 48 Prozent für den Brexit. „Ohne die fragwürdigen Machenschaften wäre das niemals möglich gewesen“, so Wylie.

Mit ähnlichen Methoden soll Cambrigde Analytica auch schon in den US-Präsidentschaftswahlkampf eingegriffen haben: Die Psycho-Ingenieure hätten staatskritische Bevölkerungsgruppen identifiziert und diese durch das gezielte Schüren einer „Paranoia vor dem Deep State“ desinformiert. „So seien damals einzelne wirre Gerüchte umgegangen, wonach Präsident Barack Obama nicht zurücktreten werde und bereits Waffen im gesamten Land konfiszieren lasse, damit kein Widerstand gegen diesen Staatsputsch möglich sei. Diese Lügen habe Cambridge Analytica aufgegriffen, verstärkt und gezielt weiterverbreitet, so Wylie“, schreibt Spiegel online.

Welche Folgen diese Form moderner Lügenmärchen haben können, zeigt auch die angebliche Vergiftung eines ehemaligen Doppelspions im britischen Salisbury mit dem von Russland entwickelten Nervengift Nowitschok. Die britische Premierministerin Theresa May hatte umgehend Moskau für den Anschlag verantwortlich gemacht, doch auch Experten eines britischen Bio- und Chemiewaffenlabors konnten nach eigenen Angaben nicht herausfinden, ob das Gift in Russland hergestellt wurde. Während der Agent noch am Leben, seine Tochter auf dem Weg der Besserung und kein klarer Beweis für die Täterschaft erbracht ist, dürften die internationalen Beziehungen zu Russland gründlich vergiftet sein: Weltweit wurden rund 150 russische Diplomaten ausgewiesen, Russland schickt im gleichen Ausmaß ausländische Vertreter nachhause.

Das Gespenst des Kalten Krieges hebt sein fahles Haupt. Noch mehr als bei heißen Kriegen gilt: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Dieser Text ist im April 2018 in einer Beilage von News, trend und profil erschienen.

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