Gift und Gülle

In diesem hoch aktuellen Fall verdichtet sich die potentiell unendliche Anzahl an Wahrheiten auf zwei: Entweder versucht eine global organisierte, moralisch enthemmte Lobby an grün eingefärbten Aluhutträgern, eines der wichtigsten Pflanzenschutzmittel der Welt durch üble Nachrede, Desinformation und blanke Lüge in Misskredit zu bringen und ein nicht nur ethisch, sondern auch ganz praktisch im Sinne der Nahrungsmittelversorgung höchst problematisches Verbot zu erwirken.

Oder die von den europäischen Bürgern gewählten Entscheidungsträger haben soeben trotz des Wissens um die Gefahr des giftigen Unkrautvernichtungsmittels unter dem Einfluss klandestiner Lobbying-Aktivitäten der chemischen Industrie dessen Weiterverwendung zum Schaden von Mensch, Insekten und Umwelt beschlossen.

Fangen wir etwas weiter vorne an: Glyphosat gehört zur Gruppe der Phosphonate, wird von einem lieben alten Bekannten bei der Vergiftung der Erde, Monsanto, seit den siebziger Jahren vertrieben und bis heute in der industriellen Landwirtschaft, im Gartenbau, in Privathaushalten und auch beim Bauern ums Eck als effektives Herbizid eingesetzt. In Österreich wird vor dem Pflanzenwachstum oder nach der Ernte der Boden gespritzt, um das Wachstum von Unkraut zu unterbinden, das den Nutzpflanzen unerwünschte Konkurrenz um Nährstoffe und Wasser macht und den Ertrag beeinträchtigt. Ohne Glyphosat müsste zur Unkrautvermeidung mehrmals gepflügt werden, was aber wieder mehr CO2-Ausstoß verursacht und die Bodenerosion fördert. Und dem wird – Stichwort Ausbringung der Ausscheidungen von Rindern und Schweinen, vulgo Gülle – hierzulande ohnehin viel zugemutet.

Mit dem zunehmenden Umweltbewusstsein drehte das Image der beispielsweise unter dem Namen „Roundup“ bekannten Substanz vom Pflanzenschutz- zum Unkrautvernichtungsmittel. Und was Kräuter tötet, ist meist auch für andere Organismen nicht besonders gesund: So wird der derzeit heftig diskutierte Rückgang der Insektenpopulation mit den breitflächig ausgebrachten Herbiziden in Verbindung gebracht. Bei einer weltweiten Produktion von geschätzt rund 800.000 Tonnen Glyphosat jährlich erscheint eine gewisse Vorsicht durchaus angebracht.

Blöd auch, dass sich Spuren von Glyphosat in der Nahrungskette des Menschen wiederfinden lassen. Und zwar nicht nur im Gemüse, sondern auch im Bier, was allgemein deutlich stärkere Unruhe erregte als belastete Zucchini. Daran konnte auch der Hinweis nichts ändern, dass die nachgewiesenen Mengen so gering waren, dass man zur Aufnahme gesundheitsgefährdender Dosen von Glyphosat so viel Bier trinken müsste, dass man jedenfalls wesentlich früher an Alkoholismus versterben würde als an den Folgen des Unkrautvernichters.

Der Makel bleibt: Ist Glyphosat tatsächlich krebserregend und muss sofort verboten werden, wie eine europäische Bürgerinitiative mit 1,3 Millionen Unterschriften forderte? Oder ist es eher eine Art Heilmittel, wie seine meist industriellen Befürworter nicht müde werden, zu predigen? Die Wissenschaft gibt, wie sonst meist nur die Juristen, keine klare Antwort: „Wahrscheinlich krebserzeugend“ für den Menschen, sagt die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). „Keine Gefahr“, meinen hingegen andere Behörden und Organisationen, unter anderem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die die Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) übernahm, das Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR), die US Environmental Protection Agency (USEPA), die kanadische Lebensmittelaufsicht (Health Canada) und die europäische Chemikalienagentur (ECHA). Was es nicht alles gibt.

Der Unterschied in der Bewertung durch diese Kohorten an Spezialisten liegt angeblich darin, dass die IARC die theoretische Möglichkeit beurteilt, bei sehr hohen Dosen eines Stoffes an Krebs zu erkranken; während die anderen die reale Gefahr bewerten, im üblichen Lebensumfeld dieses Stoffes wegen an Krebs zu erkranken. Österreich hat übrigens gegen die Verlängerung votiert, wurde aber im zuständigen Unterausschuss der EU-Kommission letztlich überstimmt.

So erinnert das Ergebnis an die Kindersendung 1, 2 oder 3: Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht ausgeht.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s