Prosecco und Gerechtigkeit

Wussten Sie schon, dass Prosecco Ihren Zahnschmelz ruiniert und in der Folge Karies auslöst? Sollten Sie jetzt panisch nach der Telefonnummer des Zahnarztes Ihres Vertrauens suchen – bewahren Sie Ruhe. Unsere stolzen Nachbarn aus der Region Friaul-Julisch Venetien, der Heimat des Sprudelweins, sind bereits zur Gegenwehr ausgerückt und haben die Geschichte als klassische „fake news“ der britischen Bier-Lobby enttarnt, die angesichts des Rekordhochs von 40 Millionen verkauften Flaschen Prosecco in Großbritannien pro Jahr ihre Bierdeckel davonschwimmen sehen.

Nicht nur der Import ausländischer Produkte, auch die Immigration ausländischer Menschen gibt immer wieder Anlass zu ganz unterschiedlichen Realitätswahrnehmungen. Im Sommer 2015, inmitten der größten Flüchtlingswelle, mit der die Europäische Union seit ihrer Gründung jemals konfrontiert war, konstatierte der Soziologe August Gächter vom Wiener Zentrum für soziale Innovation im „Standard“ die hohe Bildung der Zuwandernden: „Wir erleben derzeit die qualifizierteste Einwanderung, die es bei uns je gab.“ Die vielen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Pakistan, die nach Österreich kommen würden, seien überdurchschnittlich gebildet, meinte der Experte für Migration und Entwicklung, Arbeitsmarkt und Chancengleichheit: „Wir könnten ganze Universitäten mit ihnen füllen.“

Zumindest zum Füllen von Notquartieren hat es dann tatsächlich gereicht. Dass die Kapazunder aus dem Nahen Osten und Afrika ihre Qualitäten bei uns nicht ausspielen können, liegt laut Gächter am mangelnden Niveau in Österreich: Er vermutet die Hintergründe teilweise darin, „dass wir eine starke Dominanz von mittlerer Bildung am österreichischen Arbeitsmarkt haben – vor allem Lehrabschlüsse, außer in Wien –, wie es das selten irgendwo gibt. Die meisten Migrantinnen und Migranten haben aber eben Matura oder höher. Es wäre vorstellbar, dass wenn in Österreich höhere Bildung relevanter wird, dass dann auch der Umgang mit höherer Bildung aus dem Ausland weniger verkrampft sein wird.“

Bis dahin wird das enorme Bildungsniveau eben etwas verkrampfte Weise ausgelebt, wie man in einigen Tageszeitungen lebhaft mitverfolgen kann. Dabei scheint Österreich viel Glück gehabt zu haben, denn sämtliche Hochqualifizierten dürften hiergeblieben, hingegen die Bildungsfernen nach Deutschland weitergezogen ein. Denn dort wusste der Bildungsökonom Ludger Wößmann in der „Zeit“ schon im Dezember 2015, dass zwei Drittel der Zuwanderer nicht lesen, nicht schreiben und kaum rechnen können: „Die Ergebnisse sind eindeutig: Vom Lernstoff her hinken syrische Achtklässler im Mittel fünf Schuljahre hinter etwa gleichaltrigen deutschen Schülern hinterher. Und dabei liegt der Besuch in der weiterführenden Schule dort nur bei 69 Prozent.“

Aber wo so viele Realitäten zeitgleich nebeneinander existieren, ist die Suche nach absoluten Wahrheiten mühsam, um nicht zu sagen: vergeblich. So stürzen sich die drei großen Nationalratsparteien in Österreich im Wettrennen um die Wahl am 15. Oktober allesamt auf das Thema „soziale Gerechtigkeit“: Die einen wollen sich holen, was ihnen zusteht, die anderen proklamieren eine „neue Gerechtigkeit“, die nächsten plädieren für mehr „Fairness“.

Versuchen wir, statistisches Licht ins gefühlige Dunkel zu bringen: Seit 2005 steigt die Einkommensungleichheit in Österreich nicht mehr und ging zuletzt sogar zurück, zitiert „Die Presse“ den Direktor der EcoAustria, Tobias Thomas, Ende August 2017. Der Maßstab für solche Entwicklungen ist der Gini-Koeffizient, der zwischen 0 und 1 variiert: Bei 0 wäre das Einkommen pro Kopf völlig gleich verteilt, bei 1 würde eine Person das gesamte Einkommen auf sich vereinen. Österreich liegt (2015) bei 0,28 – das ist allerdings auch der staatlichen Umverteilung geschuldet, ohne die wir bei 0,48 stünden, was immer noch ein tadelloses Ergebnis wäre.

Liegen also die Parteien mit ihrem Gerechtigkeitsfimmel falsch? Fix ist, dass die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt – kein Wunder, hat sich doch die Berichterstattung zum Thema Ungleichheit von 2001 bis 2015 verdreifacht. Aber sitzen die Bürger, angestiftet von den Medien, einem gewaltigen Irrtum auf? Das kann man in der Welt der wirren Wahrheiten nicht sagen, denn: Rechnet man zum Einkommen das (vergleichsweise einseitig verteilte) Vermögen hinzu, schnalzt der Gini-Koeffizient auf 0,7 hinauf. „Vermögenssteuern“, rufen die einen, „Leistungsgerechtigkeit“, halten die anderen dagegen.

Darf’s vielleicht doch noch ein Glaserl Prosecco sein?

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